„Wo genau ist der Notfallort?“ – Ein Tag auf der Leitstelle Nord in Harrislee

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Ein Erfahrungsbericht von Jan-Christian Schwarz aus dem Juni 2021

Der überschaubare Raum ist auf den ersten Blick voll besetzt. Überall befinden sich Tische und auf diesen gleich mehrere Bildschirme und Tastaturen. Davor sitzen oder stehen blau-uniformierte Männer und Frauen mit Headsets, die mit den Computermäusen zwischen verschiedenen Bildschirmen hin- und herspringen. Die Finger fliegen über die Tastaturen. Immer wieder leuchten rote Lampen auf. Noch ist das Stimmengewirr gedämpft. Als plötzlich eine orangefarbene Signalleuchte an einem der Tische aufblitzt, wird es lauter. Auf einmal ist die Spannung greifbar im Leitstellenraum: „Lars, Lars! Finn braucht Unterstützung!“ Ein Mann in blauer Uniform eilt von vorn durch den Raum zu einem der hintersten Tische. Fast sekündlich gehen dort Notrufe ein. Eine Rauchentwicklung in Hollingstedt hat sich zu einem großen Feuer entwickelt, das auf ein anderes Gebäude überzugreifen droht. Noch ist nicht ganz klar, ob auch Menschenleben in Gefahr sind. Jetzt ist Manpower gefragt – vor Ort, aber auch am Telefon. Ein großer Feuerwehr- und Rettungseinsatz muss koordiniert werden.

Beim Notruf 112 für Feuerwehr und Rettungsdienst in der kooperativen Leitstelle Nord arbeiten 27 Disponentinnen und Disponenten und acht Schichtleiter in vier verschiedenen Tages- und Nachtschichten. Diesen Nachmittag sind zunächst fünf Disponentenplätze besetzt, hinzu kommt mit Lars Banck noch ein Schichtleiter, der von seinem Arbeitsplatz aus den gesamten Raum im Überblick behält. In diesem Teil der Leitstelle Nord kommen unter der Nummer 112 alle Notrufe aus den Kreisen bzw. kreisfreien Städten Flensburg, Schleswig-Flensburg und Nordfriesland an. Darüber hinaus werden Krankentransporte organisiert und koordiniert. Die Disponenten stehen in Kontakt mit allen verfügbaren Rettungswachen und Feuerwehren in den Kreisen, aber auch zu Hubschraubern wie dem Christoph Europa 5 und (über das MRCC Bremen – Maritime Rescue Coordination Center) sogar zu den Seenotrettern von der DGzRS. Der Notruf 110 der Polizei befindet sich einen Raum weiter – durch eine Glasfront von Feuerwehr und Rettungsdienst getrennt, aber mit einer Tür verbunden. Immer wieder wechseln Disponenten aus den zwei nebeneinander liegenden Leitstellen kurz auf die andere Seite, um Sachverhalte zu übergeben oder zu erläutern. Neben der Leitstelle Nord gibt es in Schleswig-Holstein noch die Leitstellen Mitte, West, Süd, Neumünster und Lübeck, die für die Notrufe aus ihren Regionen verantwortlich sind.

Obwohl an diesem Tag offensichtlich schon einiges los in der Leitstelle Nord, lässt sich noch nicht erahnen, dass es in Kürze noch hektischer werden könnte. In kurzen Abständen ploppen die Notrufe auf den Bildschirmen der Disponenten auf. „Notruf 112 von Feuerwehr und Rettungsdienst, wo genau ist der Notfallort?“, ist die erste Frage, die den Anrufenden am Telefon gestellt wird. Danach folgt eine Reihe von weiteren standardisierten Fragen („Was ist genau passiert? … Reagiert die Person normal?“), die der Disponent zusammen mit dem Anrufenden abarbeitet. Dabei ist es natürlich besonders wichtig, dass derjenige, der in der Leitstelle den Notruf entgegennimmt, Ruhe ausstrahlt. Denn der Anrufende am anderen Ende der Leitung kann das meistens nicht. „Da ist man dann manchmal schon etwas ungehalten mit uns“, berichtet Jan Friedrichsen, der bereits seit 2012 in der Leitstelle Nord arbeitet. Er habe sich schon anhören müssen, er solle nicht „so viel quatschen, sondern endlich Hilfe schicken“. Dass aber gerade die standardisierte Abfrage dazu da ist, die Situation richtig einzuschätzen und die passenden Rettungsmittel loszuschicken, wisse mancher Außenstehender nicht. Und Friedrichsens Kollege Franz Neidert ergänzt: „Außerdem läuft ja ganz viel schon parallel.“ Während der Disponent und der Anrufende telefonieren, sucht der Computer auf Basis der Eingaben den nächsten Rettungswagen oder die zuständigen Feuerwehren heraus und zeigt an, welche Alarm- und Ausrückeordnungen für welches Szenario durch die Feuerwehrverantwortlichen hinterlegt wurden.

Ein sogenanntes „Szenario“ enthält immer eine Grundschadensart (z. B. „Feuer“), eine Erweiterung (z. B. „klein“) und eine Ergänzung (z. B. „X“ für Gefahrstoffe). „Die Fragen am Telefon sparen also am Ende Zeit, die den in Not Geratenen zugutekommt“, fasst Neidert zusammen. Dabei müssen aufgrund der Abfrage so wichtige Entscheidungen getroffen werden, ob ein Notarzt mit zur Einsatzstelle muss, ob Atemschützer anderer Feuerwehren bei größeren Bränden mitalarmiert werden, oder schlicht, ob mit Blaulicht und Sirene, also mit Sonder- und Wegerechten, zum Einsatzort ausgerückt wird. Die gesetzlich vorgeschriebene Hilfsfrist legt fest, dass nach einem Notruf in Schleswig-Holstein innerhalb von 12 Minuten erste Rettungskräfte vor Ort sein müssen, was statistisch nachprüfbar in 95% aller Einsätze der Fall ist.

„Komplizierte Sachverhalte ohne viel Fachvokabular einfach erklären“, das sei – so Jan Brodersen – die größte Herausforderung für diejenigen, die Notrufe annehmen. Am anderen Ende der Leitung befinde sich ja meistens ein medizinischer Laie, der in Extremfällen fernmündlich sogar zu einer Reanimation angeleitet wird, die er oder sie durchführt, bis die Retter am Notfallort eintreffen. Deshalb sei es eine Grundvoraussetzung, dass die eingesetzten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über profunde Kenntnisse im Rettungsdienst und Feuerwehrwesen verfügen, erzählt Schichtleiter Lars Banck. Notwendig heute sind mindestens die Ausbildung zum Rettungssanitäter und eine Mitarbeit in einer der vielen Freiwilligen Feuerwehren im Lande. Dort sollte man die wichtigsten Grundlehrgänge wie den zum Truppmann und -führer schon absolviert haben. „Wer das allerdings nicht hat, den schicken wir dann auf die Schulbank“, berichtet Banck weiter. Mit Frank Dostal ist sogar ein Wehrführer von der Westküste als stellvertretender Schichtleiter unter den Disponenten. Er kommt manchmal in die besondere Situation, dass er von Harrislee aus seine eigene Wehr rund 50 Kilometer weiter westlich alarmieren muss und den Einsatz aus der Ferne koordiniert. Das bedeute allerdings nicht, dass er sich dann verstärkt einmische, schiebt Dostal nach. „Den Hut hat der Einsatzleiter vor Ort auf, als Disponent muss ich mich dann zurücknehmen und den Kräften am Einsatzort vertrauen!“

Personal können die Leitstellen immer gebrauchen, allerdings wird genau darauf geachtet, dass die Anwärterinnen und Anwärter gut in das Team passen. Es komme darauf an, auch unter Stress kollegial zusammenzuarbeiten. „Eine muss sich auf den anderen jederzeit verlassen können“, meint Neidert in einem kurzen Gespräch zwischen den zahlreichen Notrufen.

Und Stress haben die Disponentinnen und Disponenten heute. Bei dem Feuer in Hollingstedt sind inzwischen vier Feuerwehren im Einsatz. Neben den Freiwilligen Feuerwehren aus Hollingstedt und Ellingstedt sind auch die aus Treia und Silberstedt alarmiert worden sowie später auch die Drehleiter aus Schleswig. Finn Zimmermann hat an seinem Tisch mit diesem einen Einsatz alle Hände voll zu tun. Sofort entscheidet Schichtleiter Lars Banck, dass alle weiteren Notrufe aus dem Kreis Nordfriesland an sogenannte „Überlauftische“ gehen oder von den Disponenten für die anderen Kreise mitübernommen werden. Eine Entscheidung, die genau rechtzeitig kommt. Denn auf einmal laufen auch noch Notrufe von Sylt auf, in denen ein Ertrinkender weitab vom Strand gemeldet wird. In einem aufwendigen Szenario kommen jetzt sowohl Hubschrauber als auch Seenotkreuzer sowie Feuerwehren und Rettungswagen zum Einsatz. Das alles ist mit fünf Disponenten nicht zu stemmen, zumal ja auch die „normalen“ Einsätze weiterlaufen und auch nicht jeder Krankentransport warten kann.

Nach einer kurzen Lagebesprechung über die Tische hinweg löst die Leitstelle einen sogenannten „Führungsalarm“ im Nahbereich aus. Nach bereits 10 Minuten rücken die ersten Disponenten aus ihrer Freizeit an, um schnell weitere Plätze zu besetzen, damit sich die Kolleginnen und Kollegen im Hauptraum ganz auf die Großschadensereignisse konzentrieren können. Innerhalb von 30 Minuten sitzen insgesamt neun zusätzliche Kräfte im Vorraum, um das Team im Hauptraum zu entlasten. Das allerdings sei keineswegs alltäglich, berichtet Alexander Hinrichsen, der seit April auf der Leitstelle arbeitet. Er selbst habe so einen Führungsalarm erst zweimal erlebt.

Finn Zimmermann, zuständig für den Einsatz in Hollingstedt, hat derweil weiterhin kaum eine ruhige Minute. Es ist einer seiner ersten Großeinsätze als Disponent. Seine Kolleginnen und Kollegen sind zufrieden damit, wie er den Einsatz abarbeitet. Abtreten wollte er ihn nicht, ganz wichtig sei aber, dass ein Disponent erkenne, wann er „den Backup der Kollegen“ braucht. „Selbstüberschätzung ist hier nicht gefragt“, meint Katja Hansen, die einen Tisch hinter Zimmermann sitzt und ebenfalls immer mal wieder ein Blick über den Rand ihrer Displays wirft. In Hollingstedt jedenfalls kehrt langsam Ruhe und Routine ein, erste Kräfte können nach vier Stunden wieder abgezogen werden. Ein Übergreifen der Flammen auf ein benachbartes Wohngebäude konnte verhindert werden.

Vielleicht ist das ein Einsatz, der besonders im Gedächtnis bleibt. So etwas gibt es jedenfalls: Einsätze, an die man sich immer wieder zurückerinnert. Grundsätzlich sind es solche, bei denen Kinder zu Schaden kommen, berichten die Mitarbeiter der Leitstelle unisono. Dann natürlich Großschadensereignisse. Bei Jan Friedrichsen war der erste selbständige Einsatz z. B. der Zusammenstoß einer Fähre mit einem Fähranleger, bei dem am Ende 40 Personen betroffen waren, darunter etliche leicht verletzt. Damals musste er sechs Hubschrauber zusammenziehen und diverse andere Rettungskräfte koordinieren. Franz Neidert erinnert sich besonders an den Anruf einer älteren Dame, bei dem sowohl der Rauchmelder als auch das Knistern der Flammen schon im Hintergrund zu hören gewesen seien. „Dass man die Flammen am Telefon hört, das ist schon selten.“ Besonders schlimm sei gewesen, dass der Ehemann es nicht mehr geschafft habe und verstorben sei.

„Das geht einem auch schon mal nahe“, berichten mehrere Mitarbeiter der Leitstelle. Nach schwierigeren Einsätzen kommt die Belegschaft zu Debriefings zusammen, außerdem hat man in den Teams speziell geschulte „Peers“, die ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der Kolleginnen und Kollegen haben.

Im Kontrast zu den Einsätzen, die „nahe gehen“, stehen die eher „heiteren“ Notrufe, die fast täglich eintreffen. Damit sind nicht die sogenannten „Unfuganrufe“ gemeint, bei denen sich Kinder und gelangweilte Erwachsene einen Spaß darauf machen, den Notruf zu wählen und die Disponenten am anderen Ende der Leitung zu veralbern. „So etwas ist einfach nur ärgerlich und auch sehr fahrlässig“, berichtet Jan Friedrichsen. Denn schließlich sei in diesen Fällen immer ein Platz besetzt, den jemand anders vielleicht für einen wirklichen Notruf benötigt. Gemeint sind vielmehr solche Anrufe wie der, von dem Kollege Neidert erzählt. Ein Tourist habe ihn vor einiger Zeit aufgeregt von einem Strand aus angerufen. Der Grund für die Aufregung: An dem Strand befand sich auch eine junge Robbe, die der Familienvater aus dem Süden Deutschlands vorher nur aus dem Fernsehen kannte. Als bei der Abfrage dann die Notfallsituation geklärt und entsprechende Hilfe organisiert werden sollte, kam im Telefonat heraus, dass der Anrufer bereits sehr erschöpft war. Schließlich müsse er die Robbe schon eine Weile unter Wasser drücken, damit diese atmen könne, habe der aufgeregte Anrufer ins Telefon gerufen. Da habe er als Disponent eben auch einmal ein wenig Bio-Unterricht erteilen müssen, erzählt Neidert verschmitzt, und zwar zur Atmung bei Säugetieren.

Auch wenn diese „Highlights“ natürlich die Ausnahmefälle sind, nehmen die Aufgaben der Leitstellen von Jahr zu Jahr zu. Das mache beständig mehr Personal erforderlich und letztlich natürlich auch mehr Raum, berichtet Achim Hackstein, der Leiter der Leitstelle, in einem Gespräch. „Schon bei den Ausbildungskapazitäten stoßen wir an unsere Grenzen“, so Hackstein. Deshalb befinde sich eine neue Leitstelle Nord für Feuerwehr und Rettungsdienst auf der einen Seite und für die Polizei auf der anderen bereits im Bau – nur wenige Kilometer von der bisherigen entfernt, am Ortsrand von Harrislee. Sie wird um einiges größer sein und über mehr Disponentenplätze verfügen. Und sie wird, wie die bisherige auch, den jeweils neuesten Standards in der Rettungstechnik angepasst sein, über die sich Hackstein seit vielen Jahren mit den Chefs anderer Leitstellen deutschlandweit austauscht.

Wer einen Tag lang miterlebt hat, wie hoch die psychischen Anforderungen an die Frauen und Männer am Telefon hinter der Nummer 112 sind, den wird es nicht wundern, dass auch Räume für aktive Pausen und begrünte Ruhebereiche durchaus ein Thema dabei sind. Schließlich können nur ausgeruhte und stressresiliente Mitarbeitende der Leitstelle für die nötige Beruhigung am Notruftelefon sorgen und passgenau Hilfe für jede Situation organisieren. Egal, ob es um einen Hubschrauber vor Sylt, Löschzüge in Hollingstedt oder der Krankentransport für ein Alten- und Pflegeheim sind.

Jan-Christian Schwarz

Hier der gekürzte Bericht des Flensburger Tageblatts

Letzte Änderung vor 5 Monaten